| Vorurteile: Vorurteile in der Gesellschaft und ihre Wirkung Vorurteile gegen --> psychisch Kranke sind ein wesentliches Hemmnis in der Behandlung. In einer englischen Studie wurden 1737 Erwachsene zu ihrer Meinung bezüglich der folgenden mentalen Erkrankungen befragt: Depression, Panikattacken, Schizophrenie, Demenz, Essstörungen, Alkoholismus und Drogenabhängigkeit. Obwohl annähernd die Hälfte der Befragten angab, eine Person mit mentaler Erkrankung zu kennen, wurden Patienten, die an Schizophrenie und Alkoholismus erkrankt oder drogenabhängig waren, als unberechenbar und gefährlich eingestuft. Studien belegen, dass dies nur für eine sehr kleine Minderheit zutrifft. Psychisch Kranke sind insgesamt nicht häufiger gewalttätig, als Gesunde. Gefahr, wenn sie denn von psychisch Kranken ausgeht, ist meist im Vorfeld erkennbar (und auch behandelbar). Ferner wurden gerade die beiden letzteren Krankheitsbilder als "selbstzugefügt" eingestuft. Dies obwohl inzwischen unzweifelhaft ist, dass Vererbung und von den Betroffenen nicht kontrollierbare Umwelteinflüsse die wesentlichen Ursachen sind. Die Befragung zeigt, dass Vorurteile und Diskriminierungen gegenüber Patienten immer noch bestehen. Sie sind mit dafür verantwortlich, dass diese Menschen sozialer Isolation, Stress und Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche ausgesetzt sind. Bei einer deutschen Umfrage wurden anhand von Fallbeispielen rund 2 000 west- und ostdeutsche Bürger zum Thema psychische Erkrankungen befragt. Lediglich die Wahn-Symptomatik/Schizophrenie wurde als ein Problem angesehen, das vom Facharzt behandelt werden sollte. Dieser sollte dann nach Meinung vieler der Befragten auch "starke" Psychopharmaka einsetzen oder am besten die Patienten "fixieren" oder "wegsperren". Depressionen und Angstanfälle stufte dagegen die Mehrheit der Befragten als Befindlichkeitsstörung ein, die man mit Selbsthilfe - Entspannung, Urlaub, Gespräche - in den Griff bekommen kann. Diese Zweiteilung in "gefährlich" und "harmlos" und die Schwellenangst vor der nervenärztlichen Praxis wird durch ein erschreckendes Wissensdefizit verstärkt. Kaum jemand kannte die unterschiedlichen Aufgabenbereiche von Psychiatern, Psychologen oder Psychotherapeuten. Ihre Informationen hatten die Befragten weitgehend aus den Unterhaltungsmedien bezogen, und in Erinnerung waren oft nur negative Aspekte und spektakuläre Ereignisse geblieben, die mit Sucht, Suizid, familiärem/beruflichem Scheitern oder Gewaltverbrechen einhergingen. Andererseits tragen die Publikumsmedien auch das Ihre zu den Vorurteilen bei. Eine Rhetorikanalyse der Berichterstattung zum Thema Psychiatrie von neunzehn Zeitschriften ergab, daß viel häufiger emotionale Stilmittel verwendet wurden als bei Artikeln über Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß auch Psychopharmaka - meist mit "Beruhigungsmitteln" gleichgesetzt - mit großen Vorbehalten betrachtet werden. Akzeptiert werden sie bei Wahnsymptomen und als Schutz der Allgemeinheit. Da andere seelische Erkrankungen als Folge von Konflikten angesehen werden, lehnt man die etablierte medikamentöse Behandlung weitgehend ab. Für sinnvoller werden Psychotherapie, Naturheilverfahren oder alternative Methoden gehalten. Solche Vorurteile erschweren Betroffenen und Angehörigen erheblich das Aufsuchen einer hilfreichen Behandlung, sie führen zu schädlichen Schuldgefühlen bei Angehörigen und Schuldzuweisungen an die Kranken selbst. Sie begründen erhebliches Leid und tragen erheblich zur Chronifizierung von Krankheiten bei. Wirkungslose und teure "Alternativbehandlungen" schaden oft nicht nur dem Geldbeutel, sie verlängern das Leiden, verschlechtern die langfristigen Aussichten auf Besserung und führen zu erheblichen gesellschaftlichen Kosten mit verlängerter Arbeitsunfähigkeit und nicht selten auch dauernder Behinderung. Obwohl eigentlich jeder Erwachsene mehrere Menschen mit psychischen Erkrankungen kennen muss, halten sich die Vorurteile hartnäckig. Erstaunlich ist die weite Verbreitung der Vorurteile gegen psychische Erkrankungen auf vor dem Hintergrund der weiten Verbreitung solcher Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung. Psychische Störungen, insbesondere verschiedene Formen depressiver und Angsterkrankungen, gehören nach den Abschätzungen neuerer Studien zu den besonders häufigen, kostenintensiven und sehr stark und oft dauerhaft die Lebensführung Betroffener einschränkenden Formen von Erkrankungen. Angst- (9%) und somatoforme Störungen (7,5%) sind in allen Altersgruppen (zwischen 18 und 65 Jahren) der deutschen Allgemeinbevölkerung weit verbreitet; Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Psychische Störungen in Form von somatoformen und Angststörungen sind mit 17,3% auch in Deutschland weit verbreitet. Diese Studien konnten auch aufzeigen, dass psychiatrische Erkrankungen häufig mit erheblichen psychosozialen Einschränkungen, insbesondere hinsichtlich Arbeitsproduktivität und Lebensgestaltung, wie auch mit deutlich erhöhten Arbeitsunfähigkeitszeiten verbunden sind und nur ungefähr ein Drittel aller Betroffenen auch eine Behandlung erhält. Hochrechnungen darauf aufmerksam gemacht, dass psychische Störungen insgesamt und depressive Störungen im besonderen bereits jetzt zu der Spitzengruppe der kostenintensivsten und am meisten beeinträchtigenden Krankheiten gehören und offensichtlich deutlich zunehmen; so wird geschätzt, dass vermutlich im Jahre 2020 allein Depressionen den zweiten Rangplatz unter den am stärksten belastenden Krankheitsformen einnehmen werden. Vorurteile beruhen also nicht nur auf Dummheit, wenngleich gilt, je weniger jemand weiß, umso dringender braucht er Vorurteile, um sich zurecht zu finden. Vorurteile (und die damit verbundene gesellschaftliche Stigmatisierung) erschweren in erheblichem Maße die Diagnostik und Behandlung neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen. Sie behindern in erheblichem Maße die Intergration von chronisch Kranken in unserer Gesellschaft. In unserer Leistungsgesellschaft ist der Mythos, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur will und sich zusammen nimmt, eine selbstverständliche Annahme, die durchaus auch eine positive Funktion für die Leistungsmotivation hat. Leider auch mit der erheblichen Nebenwirkung der Ausgrenzung derer, die wirklich nicht können. Leider auch mit der Nebenwirkung, dass die Betroffenen ihre krankheitsbedingten Einschränkungen als Charakterschwäche, Willensschwäche, Faulheit usw. erleben. Oft werden sie hierbei durch Angehörige und oft genug auch durch Ärzte und andere professionelle Helfer bestärkt. Hierdurch wird oft verspätet Hilfe gesucht und dadurch die Prognose der Erkrankung verschlechtert. Vorurteile werden auch von den Betroffenen selbst als wahr angenommen. Sie erleben sich selbst als defizitär, entwickeln Schamgefühle oder andere passive Reaktionsvarianten (kompensierende Fertigkeiten, Psychosomatik usw.). Diese Reaktionen können wiederum von der Umwelt als Ausdruck der Abweichung aufgefasst werden. Dadurch bilden Defekt und Reaktion quasi eine nahezu untrennbare Einheit. Es ist daher für den Betroffenen äußert schwierig, aus dieser Stigmatisierung herauszukommen, denn egal wie er sich verhält, jedes Entgegenwirken wird als Bestätigung der zugeschriebenen Eigenschaften angesehen. Dadurch wird es dem Stigmatisierten fast unmöglich gemacht, als vollwertiger Kommunikationspartner Anerkennung zu finden. Weil es ihm schwer fällt zu beurteilen, wie sein Stigma und sein Merkmal vom aktuellen Kommunikationspartner gesehen werden, wird er sich in Kommunikationen unsicher, verlegen, angespannt und ängstlich verhalten. Falsche Annahmen des Wahrnehmenden in Form einer falschen sozialen Hypothese können dazu führen, dass Zielpersonen sich so verhalten, dass diese Annahmen bestätigt werden und können so abweichendes Verhalten verstärken. > Sensationsberichterstattung in den Medien Fazit: Soziale Isolierung, Verbitterung, finanzieller Ruin meist die Folge. "Vielwisserei macht nicht weise", aber Nicht-Wissen schon gar nicht. Wer nichts weiß, muss alles glauben! Wissen aber schafft geistige (und manchmal auch materielle) Unabhängigkeit. |
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